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Leseprobe

Arnaud Dudek Strand am Nordpol

Nach ein paar Klicks ergreift Jean-Claude wieder das Wort:
"Sagen Sie, hatten Sie Nachrichten von Perfecto?"
Perfecto: 68 Jahre, stammt aus Hossegor, geschieden, Bluesfan und Lizenzinhaber in einem Windsurfing-Club, hat sich in den Kopf gesetzt, das Abi zu machen. Aber die beiden passen absolut nicht zusammen. Zu unterschiedliche Leben. Außerdem wohnt er weit weg. Françoise ist sich nicht sicher, ob sie Lust hat, auf seine letzte Mail zu antworten. Vor allem, weil es da noch andere virtuelle Freunde gibt. Argos57: Skorpion, 78 Jahre, König der Mirabellenkuchen. Filou2008: Jäger, Fischer, Heimwerker, Alterspräsident der Pfadfinder Frankreichs. BigChurchill: Witwer, 11. Arrondissement in Paris, 67 Jahre, praktizierender Katholik und Krawattensammler...
Es wird klar geworden sein, die Suche nach einer virtuellen Freundschaft und bei Zuneigung mehr bereitet Françoise großes Vergnügen. Im Grunde ist das Ergebnis egal.
"Habe ich Ihnen gesagt, dass Filou2008 achtundachtzig ist?"
"Der? Viel zu alt!"
Sie lachen aus vollem Herzen.
"Danke."
Natürlich wissen Françoise und Jean-Claude nicht, dass ihnen nur noch ein Jahr für ihre Freundschaft bleibt. Aber sie werden keine Zeit verlieren. Sie werden Gemüse schälen, alte Filme erneut ansehen, alte Schallplatten anhören, sich anrufen und endlose Gespräche führen.
"Danke wofür, Madame Vitelli?" "Fürs da sein."  Er würde sie gerne auf eine Tour in dem Citroën TUB mitnehmen, den er noch nicht besitzt. In eine blaue Kühlbox würden sie Tomaten, Chips und Schinken, vakuumverpackt, legen. Sie würden bis zum Étangd'Ayrolles fahren, wo Jean-Claude die schönsten Ferien seiner Kindheit verbracht hat.
"Ah, na endlich, es funktioniert wieder! Nicht mehr diesen Button drücken, ja?"
"Den habe ich nicht angefasst!"
Auf dem Weg dorthin würden sie in Narbonne anhalten, vor den Skulpturen der Sportler, über die die Bevölkerung geteilter Meinung ist, und beim Grab des Singenden Narren, Louis Charles Augustin Georges Trenet. Dessen Chansons, verehrte Damen und Herren, düsterer sind, als man glaubt.
 

 

Arnaud Dudek: Strand am Nordpol

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