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Leseprobe

Gilles Marchand Ein Mund ohne Mensch

Die Bahnfahrt schien mir eine Ewigkeit zu dauern.

Ich erinnere mich nicht mehr genau an unsere Ankunft in Paris. Ich erinnere mich an den Schmerz, den ich in Bezug auf mein Gesicht verspürte. Ich erinnere mich, dass ich zwischen den Binden, die mich schützten, nichts erkannte, und dass mein Großvater mir alles beschreiben musste, was er sah. Er war völlig aus dem Häuschen angesichts der Idee, an die Orte zurückzukommen, an denen er meiner Großmutter begegnet war.

Wir waren an der Gare Austerlitz angekommen, glaube ich. Eine Menge Menschen waren da und viele Stimmen, die riefen. Die Leute fanden sich wieder. Seit kurzem war der Krieg vorbei. Es war wie ein großes Fest. Ich erinnere mich an den Klang eines Akkordeons, den Duft von heißen Maroni, die man grillte, und an das Lachen von Frauen. Genau so stellte ich mir Paris vor: überall Menschen, elegante Frauen mit großen Hüten, Männer im Anzug, andere mit Schirmmütze. Pfiffe, Rufe, Hurra-Schreie und einige Tränen. Fliegende Händler, die ihren Krimskrams anpriesen. Das Paradies der Klänge, Geräusche im Übermaß.

Pierre-Jean kommentierte alles: die Farben, die Autos, die Leute, er ließ keine Einzelheit aus. Um ehrlich zu sein, ich glaube, er war aufgeregter als ich. über diese Reise hatten wir kaum miteinander gesprochen. Wir waren eines Morgens einfach so mit zwei Koffern aufgebrochen. Einem großen für meinen Großvater und einem kleineren für mich. Beide waren leicht. Wir hatten fast nicht behalten.

Wir steuerten ein Hotel an, in dem mein Großvater für uns reserviert hatte. Wir verbrachten dort eine Woche, bis wir eine Wohnung gefunden hatten. Eine Woche voller Spaziergänge. Eine Woche voller Postkartenansichten von Paris: Notre-Dame, die Seine-Quais und die Bouquinisten, Sacré-Cœur, die Maler auf der Place du Tertre. Pierre-Jean war dermaßen verzaubert, dass er gelegentlich vergaß, mich an der Hand zu fassen.

Ich erinnere mich an den Nachmittag, den wir am Ufer des Kanals Saint-Martin verbrachten, wo er an jeder Gasse darauf gefasst war, jene von Arletty wiederzufinden.

In dieser Filmumgebung fand er wirklich wieder Geschmack am Leben. Den ganzen Tag lang lachte er. Als ob für ihn eine Seite umgeschlagen sei, ein neues Leben beginne.
 

 

Ein Mund ohne Mensch - Gilles Marchand

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